Alles außer Notfallversorgung?!

Simone Habighorst

Krankenwagen vor Krankenhaus

Klinikambulanzen am Limit

Die Notaufnahmen der Krankenhäuser bieten derzeit ein irritierendes Bild: überfüllte Wartezimmer und Flure, Patienten in unterschiedlichsten Zuständen in Betten, auf Stühlen oder irgendwo stehend. Ärztinnen, Ärzte, Schwestern und Pfleger arbeiten auf Hochtouren, behandeln und versorgen nach Dringlichkeit, bewegen sich am Rande der Erschöpfung. Das Team ist gestresst, die Patienten sind unzufrieden aufgrund der langen Wartezeiten.


Woher kommt das? Gibt es tatsächlich jeden Tag so viele Notfälle, die nicht anders versorgt werden können? „Nein, zum Glück nicht“, erläutert Dr. Patrick Dißmann, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Lippe. „Wir haben es sehr häufig mit Bagatellfällen zu tun, die nichts in einer Notaufnahme zu suchen haben.“

Bagatellfälle: fehlplatziert und Ressourcen bindend

Die meisten Patientinnen und Patienten kommen in die Notfallambulanzen, weil sie verunsichert sind oder glauben, dass es sich um einen Notfall handelt. „Vielen Menschen ist nicht klar, was ein echter Notfall ist“, schildert Dr. Patrick Dißmann. „Hier geht es um akute, lebensbedrohliche Beschwerden, die unmittelbar medizinische Maßnahmen erfordern.“ Dazu zählen zum Beispiel Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenentzündung sowie mit drohender Austrocknung nach tagelangem Durchfall und Erbrechen.

Es kommen aber zunehmend Personen mit vergleichsweise harmlosen Beschwerden in die Klinikambulanz – wie etwa einem entzündeten Zehennagel, einer Erkältung, Schlafstörungen oder seit Wochen andauernden Bauch- oder Kopfschmerzen. „Diese Patientinnen und Patienten hätten bereits von ihrem Haus- oder Facharzt behandelt werden können“, betont der Chef der Zentralen Notaufnahme in Detmold und Lemgo. „Sie sollten daher die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen oder eine Bereitschaftspraxis aufsuchen, bevor Sie zu uns in die Notaufnahme kommen.“

Notaufnahme – immer die erste Wahl?

Bei plötzlichen, unangenehmen oder unklaren Beschwerden wählen noch immer zu viele Menschen den Weg in die Notfallambulanz, denn das ist einfach und bequem: Die Notaufnahme ist an einem festen Standort zu finden, rund um die Uhr geöffnet und medizinisch optimal angebunden. Das jedoch ist zu kurz gedacht: Für Patienten, die bereits gesundheitlich angeschlagen sind oder tatsächlich dringend Hilfe brauchen, kann der Andrang von Bagatellfällen ernste Folgen haben, wenn sie zu lange auf eine Behandlung warten müssen.

„Daher arbeiten in unserer Notaufnahme fast ausschließlich erfahrene Oberärztinnen und -ärzte“, berichtet Dr. Patrick Dißmann. „Denn wir versuchen, schon direkt beim Ankommen der Patienten zu entscheiden, wer alternativ von einem Haus- oder Facharzt versorgt werden kann. Dann können wir uns stärker auf die wirklich dringenden Behandlungsfälle konzentrieren.“ Das betrifft übrigens auch Patienten, die mit dem Rettungswagen gebracht werden: Auch diese Patienten sind nicht automatisch Notfälle, da die Rufnummer 112 zunehmend bei nicht bedrohlichen Beschwerden angerufen wird.

Dr. Patrick Dißmann

Dr. Patrick Dißmann, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Lippe

Versorgungsangebot nicht ausreichend bekannt

Das kann sich aber ändern. Neben den Notaufnahmen gibt es nämlich weitere ambulante Versorgungsangebote, die allerdings noch nicht ausreichend bekannt sind. Die meisten Einwohner haben zwar schon von Bereitschafts- oder Notdienstpraxen gehört, wissen aber nicht, wann und wie sie diese erreichen können. Dabei ist das ganz einfach:

Der ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienst ist für alle dringenden Beschwerden zuständig, mit denen ein Patient normalerweise zum Haus- oder Facharzt gehen würde. Über die bundesweit einheitliche Telefonnummer 116117 erreichen Patienten den ambulanten Notdienst und erfahren, welche Praxis außerhalb der Öffnungszeiten kontaktiert bzw. aufgesucht werden kann. Bundesweit gibt es 600 dieser Praxen, die täglich bis 22 Uhr geöffnet sind – und das auch am Wochenende. Weitere Informationen über den ärztlichen Bereitschaftsdienst, zu den Praxen in den einzelnen Regionen sowie zur Funktionsweise der Rufnummer sind im Internet unter www.116117info.de zu finden.

Zudem werden in der Politik neue Lösungsansätze geprüft, um generell die Lage in den Notfallambulanzen zu entschärfen. So sollen den Notaufnahmen z. B. so genannte Portalpraxen als zentrale Anlaufstellen vorgeschaltet sowie eine zentrale Telefonnummer für alle Notrufe eingesetzt werden. Ziel ist, bereits im Vorfeld entscheiden zu können, welche Patienten tatsächlich ein Fall für die Notaufnahme sind und welche über den ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können.

Was wir selbst tun können: Bewusster abwägen und handeln

„Wichtig ist, dass die Menschen ein Gespür dafür bekommen, wann sie es mit einem echten Notfall zu tun haben“, betont Dr. Patrick Dißmann. „Patienten mit akuten Symptomen, die lebensbedrohlich sind, sind echte Notfälle und müssen schnellstmöglich medizinisch versorgt werden.“

Der Notruf 112 ist immer zu wählen bei

  • Verdacht auf Herzinfarkt (Engegefühl und Schmerzen in der Brust)
  • Verdacht  auf Schlaganfall (Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen, Lähmungen, Sprachverlust)
  • seit Tagen Durchfall und Erbrechen, Gefahr der Dehydrierung (vor allem ältere Menschen)
  • Kollaps, Ohnmacht
  • Unfällen, Verletzungen (Sport, Arbeit, Freizeit etc.)

Wer noch selbst mobil ist und unter akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden leidet, sollte wie folgt vorgehen:

  • zu Praxisöffnungszeiten: Haus- oder Facharzt kontaktieren/aufsuchen.
  • außerhalb der Öffnungszeiten bis 22 Uhr: Ärztliche Notdienstpraxen aufsuchen, 116117 anrufen, Infos bzgl. zuständiger Praxis einholen - auch am Wochenende!

Wenn ein Hausbesuch erforderlich ist:

  • Notdienstzentrale unter 116117 anrufen.
  • Zentrale nimmt den Fall auf und schickt einen Arzt zu dem Patienten nach Hause.

Notruf 112 wählen:

  • nur bei akuten und lebensbedrohlichen Situationen.

Über den Autor

Simone Habighorst - Als Zuständige für den Bereich Marketing und Kommunikation verfasse ich redaktionelle Artikel für unsere Website. 
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik zu meinem Artikel? Schreiben Sie mir eine E-Mail an newsportal(at)heimat-krankenkasse.de

zurück