Wenig bekannt, aber folgenschwer: Endometriose

Mario Humrich

Jährlich 30.000 neuerkrankte Frauen in Deutschland

Obwohl hierzulande etwa zehn Prozent aller Frauen zwischen 15 und 45 Jahren darunter leiden, ist bisher nur wenig darüber bekannt: Endometriose ist die zweithäufigste gutartige Erkrankung bei Frauen im gebärfähigen Alter. Hier handelt es sich um Zellen der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), die sich dort ansiedeln, wo sie nicht hingehören: am Bauchfell, an den Eierstöcken, an Blase oder Darm. Warum sie das tun, kann die Forschung bis heute nicht erklären. Dass dieses Zellverhalten für betroffene Frauen zum Martyrium werden kann, ist jedoch erwiesen.


Regelschmerz – normal oder wegweisendes Symptom?

Die Palette der Symptome ist groß und eher unspezifisch, was die Diagnosestellung erschwert. Typisch sind Bauch- und Rückenschmerzen, starke, unregelmäßige Monatsblutungen, Schmerzen bei Geschlechtsverkehr, gynäkologischen Untersuchungen oder Eisprung, Blasen- und Darmkrämpfe oder gar Ohnmachtsanfälle. Betroffene sind zudem oft müde und erschöpft, zeigen häufiger Allergien sowie eine erhöhte Infektanfälligkeit während ihrer „Tage“.

„Ich hatte schon seit langem starke Schmerzen und Blutungen, aber mein Arzt meinte, das sei normal“, berichtet Liane K., 36, Lehrerin in Niedersachsen. Auch die Kombination mit Durchfall und Darmkrämpfen gab keinen Anlass zu weiterer Diagnostik. „Das ist leider ein großes Problem“, erläutert Dr. Sudip Kundu, Oberarzt im Endometriosezentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Die Patientinnen werden zu oft mit ihren Beschwerden allein gelassen und haben Glück, wenn der betreuende Arzt überhaupt an Endometriose denkt.“ In der Tat: Laut aktueller Erhebungen vergehen durchschnittlich sechs (!) Jahre vom Auftritt der ersten Symptome bis zur richtigen Diagnose.

Das Problem: richtiges Zellverhalten am falschen Ort

Die ortsfremden Zellansiedelungen sind an den hormonellen Zyklus der Frau gebunden und verschwinden häufig erst mit der Menopause oder während einer Schwangerschaft. Da diese „Herde“ im Gegensatz zur normalen Gebärmutterschleimhaut jedoch nicht mit der Regelblutung ausgeschieden werden, können sie wachsen, bluten, sich weiter verteilen und bei fortgeschrittener Erkrankung sogar Zysten, Vernarbungen und Verwachsungen ausbilden oder in andere Organe einwachsen. So sorgen sie bei mehr als der Hälfte aller betroffenen Frauen für massive Beschwerden, vor allem vor und während der Menstruation. 

Die Intensität der Beschwerden ist allerdings kein Indiz für Ausdehnung oder Schweregrad der Erkrankung: Kleine Herde können große Probleme bereiten, Frauen ohne Beschwerden können ausgedehnte Ansiedelungen in sich tragen. Die wirkliche Tragik liegt jedoch hier: Endometriose ist eine der häufigsten Ursachen für dauerhafte Kinderlosigkeit und kann bei unbemerkter Ausdehnung auf weitere Organe erheblichen Schaden anrichten. 

Späte Diagnose mit verheerenden Folgen

„Endometriose hat Züge einer bösartigen Erkrankung, ob wohl sie keine ist“, bestätigt Dr. Sudip Kundu. So auch bei Liane K.: Als die Diagnose endlich gestellt war, sollten im Rahmen einer Bauchspiegelung die mutmaßlichen Herde entfernt und nach weiteren gesucht werden. Daraus wurde eine mehrstündige Operation, da ausgedehnte Herde an Eierstock, Vagina, Beckenwand und Blase entfernt werden mussten, vom Enddarm sogar ein ganzes Stück des Organs. Mit diesen Konsequenzen hatte die Patientin nicht gerechnet, deren Tragweite noch viel größer ist: „Die OP ist jetzt ein halbes Jahr her, aber ich weiß noch nicht, wann ich wieder ein ganz normales Leben führen kann – vom Wiedereinstieg in meinen Beruf ganz zu schweigen.“

Davon bleibt auch die Psyche der Betroffenen nicht unberührt. Zudem schränkt Endometriose die gelebte Weiblichkeit der Patientinnen oft massiv ein: Unfruchtbarkeit, Schmerzen beim Sex, dadurch verminderte Lust und folglich Schuldgefühle gegenüber dem Partner können das Selbstwertgefühl vor allem junger Frauen enorm belasten.

Ihre Chance: frühzeitige Erkennung, konsequente Behandlung

Soweit muss es aber nicht kommen: Wer immer wieder unter Beschwerden rund um den Monatszyklus leidet oder einfach nicht schwanger wird, sollte sich auf Endometriose untersuchen lassen. Der erste Schritt ist das ausführliche, vertrauensvolle Gespräch mit der Frauenärztin bzw. dem Frauenarzt. Dabei geben konkrete Informationen zu Art und zeitlichem Auftreten der Beschwerden entscheidende Hinweise für weitere Untersuchungen. Für eine einfache Dokumentation kann z. B. der Schmerzkalender der Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. hilfreich sein. Die konkrete Diagnostik und Behandlung sollte anschließend in einem spezialisierten Endometriosezentrum erfolgen. 

Die Herde sind per Ultraschall äußerst selten zu erkennen, so dass letztlich nur mit einer Bauchspiegelung (Laparoskopie) der gesamte Bauchraum untersucht werden kann. Dabei können gleichzeitig Gewebeproben entnommen bzw. vorhandene Zellansiedelungen entfernt werden.  Je nach Zielsetzung der Frauen sowie Alter, Ort der Herde, Schweregrad und Kinderwunsch wird die passende Therapie eingeleitet. Dazu zählen neben der operativen Gewebeentfernung auch Schmerz-, Hormon- oder Psychotherapien sowie ergänzende Methoden der alternativen Heilkunde. „Wir bieten ganz bewusst unterschiedliche Sprechstunden an, um die Patientinnen individuell beraten und behandeln zu können“, berichtet Dr. Kundu über das Endometriosezentrum der MHH. „Es ist schließlich ein großer Unterschied, ob die Betroffenen ihre Familienplanung schon abgeschlossen haben oder nicht, und ob bereits weitere Organe von Endometriose befallen sind.

“Die Krankheit ist zwar nicht vollständig heilbar, kann aber in ihrer Ausdehnung gestoppt und den Patientinnen damit ein beschwerdefreies Leben ermöglicht werden. So werden etwa zwei Drittel der von Unfruchtbarkeit betroffenen Frauen nach entsprechender Behandlung endlich schwanger. 

Unser Tipp: Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl… 

Es ist ganz wichtig, dass sich betroffene Frauen im Rahmen von Untersuchungen und Behandlungen ihrer Beschwerden wohl fühlen. Wer von einer Diagnose nicht überzeugt ist oder sich bei ihrem Arzt, Therapeuten, im Krankenhaus oder Fachzentrum nicht richtig verstanden und wohl fühlt, hat jederzeit die Möglichkeit, sich eine zweite Meinung einzuholen oder ihren Arzt bzw. das Zentrum zu wechseln. Auch hierbei bietet die Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. Beratung und Unterstützung an. 

…und bleiben Sie stark und selbstbestimmt!

„Das Schlimmste war am Anfang die Hilflosigkeit“, erzählt Liane K. „Ich wusste, ich habe eine chronische Erkrankung, die mich bis in die Wechseljahre hinein begleitet – mir war aber nicht klar, ob und was ich selbst dagegen tun kann.“ So hat sie Bücher über die Krankheit gelesen, sich Informationen und Ratschläge geholt, ein komplettes Netzwerk aufgebaut, ihre Ernährung umgestellt. „Man kann viel machen, wenn man erst einmal weiß, womit man es zu tun hat!“

Die Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. und die Europäische Endometriose Liga e.V. bieten umfassende Informationen sowie Selbsttests, Schmerzkalender (PDF), Checklisten, Beratungsangebote und vieles mehr. Darüber hinaus kann der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfe- oder Gesprächsgruppen vor Ort bzw. als Teil einer Anschlussheilbehandlung sehr hilfreich sein.

Als Einstieg sind unterschiedliche Bücher über Endometriose empfehlenswert, z. B. „Nicht ohne meine Wärmflasche“ von Martina Liel oder „Endometriose – Die verkannte Frauenkrankheit“ von Jörg Keckstein. Viele Endometriosezentren bieten zudem regelmäßig Informationsveranstaltungen für Interessierte und Betroffene an.

Verwandte Artikel

Über den Autor

Mario Humrich - Als Zuständiger für den Bereich Online Marketing bin ich für alle Aktivitäten rund um unsere Homepage verantwortlich. Mit meinen Beiträgen im Newsportal möchte ich Ihnen spannende Themen vorstellen und verständlich näher bringen.
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik zu meinem Artikel? Schreiben Sie mir eine E-Mail an newsportal(at)heimat-krankenkasse.de

zurück