Gendermedizin – Frauen und Männer werden anders krank
Frauen und Männer werden nicht immer gleich krank. Frauen sind häufiger von Migräne, Rheuma oder Neurodermitis betroffen. Einen Herzinfarkt erleiden beide, zeigen aber unterschiedliche Symptome. Warum das so ist und warum es sich lohnt, bei der Behandlung grundsätzlich das Geschlecht des Patienten zu berücksichtigen, lesen Sie im Artikel.
Das Wichtigste in Kürze
- Frauen und Männer erkranken oft unterschiedlich und zeigen nicht immer die gleichen Symptome.
- Gendermedizin berücksichtigt biologische und soziale Unterschiede bei Diagnosen, Therapien und Prävention.
- Auch Medikamente wirken nicht bei allen gleich. Frauen bauen viele Wirkstoffe langsamer ab und haben deshalb häufiger Nebenwirkungen oder benötigen eine andere Dosierung.
- Biologische Ursachen: Unterschiede im Immunsystem, in der Schmerzempfindlichkeit und im Erbgut (X- und Y-Chromosomen) erklären viele Krankheitsunterschiede.
- Mehr Wissen verbessert die Versorgung. Die Erkenntnisse der Gendermedizin sollen dazu beitragen, Krankheiten früher zu erkennen, Therapien wirksamer zu machen und unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.
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- Was ist Gendermedizin?
- Wo liegen die Unterschiede bei Männern und Frauen?
- Warum brauchen wir Gendermedizin?
- Warum brauchen Frauen eine andere Medizin?
- Frauen bei Medikamenten oft überdosiert
- Welche Erkenntnisse zur Gendermedizin gibt es bisher?
- Seit wann gibt es Gendermedizin?
- Wie kann man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Behandlung nutzen?
Was ist Gendermedizin?
Die geschlechtersensible Medizin erforscht Krankheiten unter besonderer Berücksichtigung der biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Neben dem biologischen Geschlecht bezieht sie auch das soziokulturelle Geschlecht (Englisch Gender) in ihre Untersuchungen ein. D.h., mit welcher Erziehung, Kultur, mit welchen Rollenzuschreibungen, Traditionen und mit welchem Lebensstil wir aufwachsen. Und wie sich das auf unsere Gesundheit auswirkt. „Wir wissen seit vielen Jahren, dass das Geschlecht eine große Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielt“, sagt Prof. Cathérine Gebhard, Expertin für Gendermedizin und Leitende Ärztin Invasive Kardiologie der Klinik für Kardiologie am Inselspital Bern. 8.000 bis 9.000 Studien pro Jahr belegen das. „Wie Krankheiten entstehen und sich verfestigen, die Reaktionen auf Therapien, Nebenwirkungen und Präventionsmaßnahmen sind unterschiedlich“, sagt Prof. Gebhard.
Wo liegen die Unterschiede bei Männern und Frauen?
- Unterschiedliche Herzinfarkt-Symptome
- Medikamente werden sehr unterschiedlich schnell abgebaut
- Frauen leiden häufiger an Auto-Immunkrankheiten wie Rheuma oder Neurodermitis
- Sie sind schmerzempfindlicher und leiden deshalb häufiger als Männer an chronischen schmerzhaften Erkrankungen wie Migräne oder Fibromyalgie
- Auch Essstörungen, Depressionen, Osteoporose (Knochenschwund) und Brustkrebs sind typische Frauenkrankheiten
- Frauen haben durch ihren Körperbau ein höheres Risiko für bestimmte Sportverletzungen
- Sie haben zwei X-, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Auf einem X-Chromosom liegen mehr als 1.000 Gene, auf das Y passen 70 bis 200. Deshalb leiden Männer häufiger an Erbkrankheiten wie der Bluterkrankheit, die über das X-Chromosom vererbt werden. Frauen können einen Gendefekt über ihr zweites X-Chromosom ausgleichen.
Warum brauchen wir Gendermedizin?
Männer erkranken ebenfalls an Essstörungen, Depressionen, Osteoporose (Knochenschwund) und Brustkrebs, aber viel seltener. Deshalb werden diese Krankheiten bei ihnen oft erst deutlich später erkannt. „Osteoporose bei Männern ist die mit am häufigsten unterdiagnostizierte Krankheit in Europa“, sagt Gebhard. Die Therapie sei wie auch bei anderen typischen Frauenkrankheiten wie Depressionen oder Essstörungen ausschließlich auf Frauen ausgerichtet. Die Medikamente gegen Osteoporose seien lange Zeit nur an Frauen getestet worden. Es sei jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass auch Männer Depressionen, Essstörungen und Osteoporose haben. Das komme durchaus vor. Bislang würden sie jedoch therapeutisch relativ schlecht versorgt.
Frauen sind schmerzempfindlicher als Männer, halten die Schmerzen aber eher aus und warten länger, bis sie Hilfe holen. „Sie sind eher sozial dazu konditioniert, sich bei Schmerzen nicht zu beklagen“, sagt Prof. Gebhard. Zudem wird der Herzinfarkt immer noch als typische Männerkrankheit wahrgenommen. Frauen rechnen daher nicht damit, einen Herzinfarkt zu erleiden. So vergeht die doppelte bis dreifache Zeit, bis sie mit Herzinfarkt den Notruf wählen. Dadurch werden sie oftmals zu spät behandelt und versterben häufiger am Herzinfarkt als Männer. Nicht nur das biologische Geschlecht spielt also eine Rolle, sprich die körperlichen Voraussetzungen, sondern auch das soziale Geschlecht, wie wir als Mädchen oder als Junge erzogen werden.
Frauen bei Medikamenten oft überdosiert
Die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern spielen bei der Medikamenten-Einnahme eine große Rolle. Unterschiede beim Wasserhaushalt und der Nierenfunktion beeinflussen, wie schnell der Körper Medikamente wieder ausscheidet. Zum anderen bewegt sich der weibliche Darm langsamer. Medikamente verweilen so länger in ihm und können vermehrt aufgenommen werden. Auch bei der Körpergröße und Muskelmasse gibt es große Unterschiede. Der männliche Körper verfügt über mehr Muskelmasse, Frauen haben mehr Fettgewebe. All das beeinflusst die Aufnahme, Wirkung und den Abbau der Medikamente, mit der Folge, dass Frauen häufiger als Männer überdosiert sind und öfter unter Medikamenten-Nebenwirkungen leiden.
Welche Erkenntnisse zur Gendermedizin gibt es bisher?
- Die Geschlechtshormone sind der Grund, dass das weibliche Immunsystem besser ist: Das Testosteron der Männer unterdrückt eher das Immunsystem
- Die Geschlechtshormone spielen auch beim unterschiedlichen Schmerzempfinden eine wichtige Rolle
- Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen unter anderem die Beweglichkeit von Muskeln, Sehnen und Bändern und damit das Verletzungsrisiko. Je nach Zyklusphase besteht ein unterschiedlich hohes Verletzungsrisiko
Die WissenschaftlerInnen vermuten, dass die Geschlechtshormone auch beim unterschiedlichen Schmerzempfinden eine wichtige Rolle spielen: Das Östrogen beeinflusst die Rezeptoren in den Nervenzellen, mit denen der Körper Schmerz wahrnimmt. „Man sagt ja immer: Wenn die Männer die Kinder gebären müssten, wäre die Welt längst ausgestorben. Weil sie angeblich diesen Schmerz nicht ertragen könnten“, sagt Prof. Gebhard. Teste man jedoch unter Laborbedingungen, wer von beiden Geschlechtern schmerzempfindlicher reagiert auf Kälte- und Wärmereize, seien eindeutig die Frauen empfindlicher. Eine große Analyse habe das klar belegt. Dabei sind sie je nach Zyklusphase mehr oder weniger schmerzempfindlich. Entscheidend ist das Hormongemisch im Körper. Bislang gebe es wenige Studien dazu, sagt Gebhard.
Die Zyklusphase spielt auch bei Sportverletzungen eine Rolle: Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen die Muskelmasse und die Beweglichkeit von Muskeln, Sehnen und Bändern. Das Verhältnis von Östrogen und Progesteron beeinflusst das Verletzungsrisiko. In der zweiten Zyklushälfte, wenn das Östrogen sinkt und das Progesteron steigt, ist das Verletzungsrisiko um ca. ein Drittel niedriger als in der ersten Zyklushälfte. Um optimale Trainingseffekte zu erzielen, könnte es sinnvoll sein, den Hormonzyklus in die Trainingsplanung für Leistungssportlerinnen einzubeziehen, sagt Gebhard. Das intensive Training könnte in die zweite Zyklusphase gelegt werden, in der das Verletzungsrisiko am geringsten ist. Frauen haben durch ihren Körperbau zudem ein höheres Risiko für bestimmte Sportverletzungen. Sie haben öfter X-Beine als Männer, weil das weibliche Becken breiter ist. Dies ist ein Grund, warum das Risiko eines Kreuzbandrisses für Sportlerinnen 4- bis 8-mal höher ist als für Sportler.
Seit wann gibt es Gendermedizin?
Die geschlechtssensible Medizin hat sich in den 1990er-Jahren entwickelt. Eine der führenden Vorkämpferinnen ist die US-amerikanische Kardiologin und Medizinwissenschaftlerin Marianne Legato, die bereits in den 1980er-Jahren Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frauen und Männern entdeckt hat. Damals begann sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor dem Hintergrund der Frauengesundheitsforschung mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern in der Medizin zu beschäftigen. 2001 gab sie eine Empfehlung heraus, im Gesundheitswesen lokale Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen.
In Deutschland begründete die Fachärztin für Kardiologie Vera Regitz-Zagrosek die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. Sie war bis 2019 Direktorin des Berlin Institute for Gender in Medicine (GiM) und gab 2011 zusammen mit Sabine Oertelt-Prigione unter dem Titel Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine ein englischsprachiges Lehrbuch heraus. Die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin setzt sich unter anderem dafür ein, dass die Ergebnisse der Forschung in der medizinischen Praxis umgesetzt werden. In Österreich gibt es an zwei medizinischen Universitäten eigene Lehrstühle für Gender Medicine: Den ersten Lehrstuhl erhielt 2010 Alexandra Kautzky-Willer an der Medizinischen Universität Wien, den zweiten 2014 Margarethe Hochleitner an der Medizinischen Universität Innsbruck.
Fitmacher Podcast: Gendermedizin – Warum das Geschlecht bei Krankheiten eine Rolle spielt
Frauen und Männer sind biologisch verschieden und werden deshalb anders krank, haben teils andere Symptome und müssten geschlechts-spezifischer behandelt werden. Das sagt die Gendermedizin. Denn Magen, Darm, Leber und Nieren-Funktion unterscheiden sich und können Einfluss auf Medikamente und den Therapieerfolg haben. Warum das Geschlecht bei Krankheiten eine Rolle spielt und ob wir eigentlich eine Kopfschmerztablette für Mann und Frau brauchen, das klären wir mit der Expertin, Frau Prof. Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione.
Wie kann man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Behandlung nutzen?
„Das Ziel der Gendermedizin ist eine individualisierte Therapie, die berücksichtigt, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind“, sagt Gebhard. Eine individualisierte Therapie verbessert die Wirksamkeit von Behandlungen und verringert unerwünschte Wirkungen. Neben den Patienten könnte auch das Gesundheitssystem von den Kenntnissen der Gender Medizin profitieren: Etwa 7 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen erfolgen aufgrund von Medikamenten-Nebenwirkungen, sagt Gebhard. Dies könnte vermieden werden, wenn diese Patienten von vornherein die für sie richtige Dosierung bekämen.
Die Bedeutung der Gendermedizin wächst – auch im Medizinstudium. Geschlechtersensible Inhalte finden heute zunehmend Eingang in die Ausbildung angehender Ärztinnen und Ärzte. Wie intensiv das Thema vermittelt wird, hängt allerdings noch von der jeweiligen Hochschule ab. Langfristig soll dieses Wissen dazu beitragen, Krankheiten früher zu erkennen und Behandlungen noch besser auf die Bedürfnisse von Frauen und Männer abzustimmen.
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